HÄNDE Es gibt Kunstwerke, die uns durch die Zeiten in ihrem Ausdruck wie auch in ihrer Deutung immer rätselhaft bleiben. Dazu zählt auch die „Mona Lisa“ („La Gioconda“) von Leonardo da Vinci im Louvre. Ihre Augen, ihre Mimik ziehen die Menschen immer neu in ihren Bann. Die dargestellte Frau des Florentiner Bürgers Giocondo scheint in sich zu ruhen vor einer hintergründigen Landschaft, die mit wachsendem Abstand zum Bildwerk immer bizarrer erscheint und eruptive Züge annimmt. Dieses Gegenüber von Ruhe und unwirklicher Landschaft kennt dank des alle Konturen auflösenden weichen Lichtes keine Schroffheit. Dämmerung legt sich auf die Szenerie und ein Hauch von Auflösung des zu Schauenden.

Der auf das Antlitz ausgerichtete Blick ist leicht versucht, die aufeinander gelegten Hände zu übersehen. Sie sind weich wie die gesamte Ausstrahlung des Bildes. Auch hier – mit dem auf die Lehne eines seitlichen Sessels gestützten Arm – drängt sich der Eindruck auf, dass die Dargestellte sich von der Ruhe eines ausklingenden Tages erfassen lässt. Sie personifiziert Ruhe, ein distanziertes Ruhen in sich selbst. Gerade der darin sich äußernde Abstand zu jeglicher Hektik, gegenüber jeglichem hektischen Bemühen, einer noch zu erhaschenden vermeintlichen Lebenserfüllung nachjagen zu müssen, der darin sich vor Augen stellende Gegenüberstand zu all denen, die vor diesem Bild staunend verweilen und innerlich die Entfernung ihrer Lebenssituation zu der jener Frau in sich verspüren, lässt das Bildwerk als geheimnisvoll und in seiner Aura der Welt schon enthoben erscheinen.

Das gilt auch für die Hände. Sie greifen nichts, halten nichts fest, umkrallen nichts. Sind wir es gewohnt, dass sich in unsere Hände das Leben oftmals tief eingeschrieben hat, sind die Hände der „Mona Lisa“ von keiner Arbeit, keiner Verletzung oder einer anderen sich in den Händen dokumentierenden Erfahrung gezeichnet. Schwerelos ruhen sie aufeinander, das sie erhellende Licht widerscheinend.

Janos Schaab rezipiert in seinem Oeuvre dieses Werk von Leonardo da Vinci in der ihm eigenen Bildsprache, beschränkt sich darin aber auf seine Inblicknahme dieser Hände, lässt sie aus einem monochromen Raum heraus- und darin zugleich zurücktreten. Wahrnehmung und gleichzeitiges Entschwinden, ohne das Woher und das Wohin zu beantworten. Dadurch wird der empfindbahre Charakter des Geheimnisvollen des Vor – Bildes aufgegriffen und dessen Rätselhaftigkeit von Janos Schaab neu ins Bild gesetzt. Konkretion, Gestaltnahme und in Gleichzeitigkeit Auflösung sind die nur vermeintlich gegensätzlichen Prozesse, die sich in seinem Werk zu einem organischen Miteinander und gegenseitigem Bedingen verbinden. Damit wird der Blick über die Hände hinaus gelenkt: sie stehen für die menschliche Existenz, für das Rätselhafte ihrer fortwährenden Wechselwirkung von Werden und Vergehen, die ihr anhaftet.

Durch seine Beschränkung auf die Hände macht Janos Schaab zugleich deutlich, dass sich im Detail vollzieht, was dem Ganzen zu eigen ist.
Dr. Jürgen Lenssen / Würzburg

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